Seiten

Samstag, 6. Januar 2018

Warum wir unser Kind nicht vor sich selbst bewahren müssen

"Du kannst doch nicht zulassen, dass ihm nie etwas passiert. Dann passiert ihm doch nie etwas!"
(Zitat von Dori aus "Findet Nemo" zu Nemos Papa)


Kennt ihr das Zitat? Und kennt ihr das Gefühl, euer Kind vor ALLEM bewahren zu müssen? Es beschützen zu wollen und eingreifen zu wollen, BEVOR "etwas passiert"?  Bevor es "schlechte Erfahrungen" macht? Ich kenne das nur zu gut, weiß aber, dass es keinen Sinn macht, dem Kind meine Erfahrungen aufdrängen zu wollen, ohne dass es eigene machen darf. Und die Frage ist auch: Gibt es "schlechte Erfahrungen" überhaupt? Kinder können aus allem lernen, was passiert. Auch wenn mal etwas nicht gelingt, auch wenn sie mal hinfallen. Ohne das würden sie nie Laufen lernen. "Schlechte Erfahrungen" sind einfach nötig, um voranzukommen und dann auch "gute Erfahrungen" machen und lernen zu können.

Es geht doch schon oft im Kleinen los, dass wir Eltern unbewusst vorschnell eingreifen. Hier ein kleines Beispiel, das zwar banal klingt, aber eigentlich genau widerspiegelt, worum es mir geht:

Vor einiger Zeit besuchte ich mit dem Äffchen einen Kurs für Kinder zwischen 12 und 18 Monaten. Es ging um Singen, Spielen, Kommunizieren etc. In einer Kursstunde hatte die Kursleiterin viele Bälle in unterschiedlichster Größen und aus verschiedensten Materialien dabei - Tennisbälle, Softbälle, Plastikbälle, Gummibälle etc. Die Kinder durften damit spielen, experimentieren, rollen, werfen, fangen und was ihnen noch so einfiel. Auch ein langes, dickes Papprohr hatte die Kursleiterin mitgebracht und irgendwann kam ein kleiner Junge auf die Idee, die Bälle durch das Rohr rollen zu lassen. Fleißig steckte er einen Ball nach dem anderen in die obere Öffnung des Rohrs und freute sich riesig, wenn die Bälle nacheinander unten wieder aus dem Rohr herausrollten. Er hatte großen Spaß und war mit Feuereifer dabei. Irgendwann erwischte er einen größeren Ball und wollte ihn genau wie die anderen Bälle durch die Rohröffnung stecken. Die Mutter sah schon vorher, dass der Ball zu groß sein würde und griff ein, indem sie sagte: "Der Ball ist zu groß, er passt nicht durch das Rohr, nimm lieber einen kleineren Ball." Sie nahm ihm den größeren Ball aus der Hand und gab ihm einen kleineren.

Was war geschehen? Die Mutter nahm dem Jungen die Gelegenheit, auszuprobieren und irgendwann selbst zu erkennen, dass der größere Ball nicht durch das Rohr passt. Vermutlich meinte sie es nur gut, wollte evtl. den Spielfluss nicht unterbrochen wissen und zwängte ihrem Kind so aber unbewusst ihre Erfahrung und ihr Wissen auf. 

Kommen euch solche Situationen auch bekannt vor? Sicherlich haben wir alle schonmal ohne darüber nachzudenken so oder ähnlich gehandelt.   


Hier noch ein Beispiel vom Äffchen und mir, bei dem ich auch erst meine Wahrnehmung zu ihrer machen wollte:

Wer mich kennt weiß, dass ich sehr schnell friere und ohne dicke Socken gar nichts geht. Ich habe sofort kalte Füße und selbst im Sommer muss es schon sehr, sehr heiß sein, damit ich mal mit offenen Schuhen losziehe. Also habe ich gedacht, ich müsste auch beim Äffchen dafür sorgen, dass es immer warme Füße hat. Weil ICH dafür dicke Socken brauche (sagt mir MEINE Erfahrung) glaubte ich, das wäre auch das Patentrezept für mein Äffchen. Weit gefehlt! Mein Äffchen ist - im Gegensatz zu mir - ein richtiger kleiner Ofen. Ihr ist selten kalt, sie liebt es barfuß zu laufen und bekommt trotzdem selten kalte Füße. Lange Zeit konnte ich das nicht glauben, mein Kind konnte doch nicht so anders sein als ich! Ich zwängte ihr die Socken auf und ärgerte mich darüber, dass sie sie innerhalb kürzester Zeit wieder auszog. 

Was war passiert? Ich schloss von mir auf das Äffchen und es dauerte eine ganze Weile, bis ich endlich begriff und nachfühlte, ob ihre Füße denn wirklich so kalt waren, wie ich es von meinen kannte. Und siehe da? Sie waren immer warm, es gab überhaupt keinen Grund, ihr die Socken anzudrehen. Es gab keinen Grund, sie vor irgendetwas zu bewahren, denn es gab schlichtweg nichts, wovor ich sie hätte bewahren müssen. Inzwischen lasse ich sie in der Wohnung barfuß laufen, wann immer sie will. Wenn ich doch mal merke, dass die Füße kalt sind (ich kann es natürlich immer noch nicht lassen, es manchmal zu kontrollieren), versuche ich ihr schon, die Socken schmackhaft zu machen oder wir kuscheln uns zusammen kurz unter eine Decke bis die Füße wieder warm sind und weiter geht das Spiel. Aber ich weiß jetzt, dass sie eine andere Wahrnehmung hat, ein anderes Kälteempfinden als ich und das möchte ich akzeptieren.


Und noch ein Beispiel von meinem Mann fällt mir ein, dass ich hier noch anbringen möchte:

Mein Äffchen liebt es, mit Wasser herumzupitschern. Egal ob am Waschbecken beim Händewaschen, mit der Trinkflasche oder in der Badewanne. Sie liebt Planschen. Im Sommer im Planschbecken ist das selbstverständlich für uns gewesen, dass sie sich nassmachen kann und wild herumspritzen durfte. Experimente mit Bechern und Schüsseln, Umfüllen und Ausgießen waren kein Problem. Doch inzwischen ist tiefster Winter, es ist draußen kalt und auch in der Wohnung hat sie (bis auf Socken) viel mehr Klamotten an, als im Hochsommer. Trotzdem nutzt sie jede Gelegenheit, um Wasser von ihrer Trinkflasche in einen Becher umzufüllen oder in das kleine Spülbecken ihrer Kinderküche einzugießen. Mein Mann tat sich schwer damit und unterband dies oft frühzeitig, damit weder das Äffchen noch die Wohnung unter Wasser standen.

Was war passiert? Mein Mann nahm dem Kind die Erfahrung, dass es nass wird, wenn es sich mit Wasser vollgoß. Es konnte nicht von sich aus lernen, was das Pitschern für Konsequenzen hat, nämlich nasse Ärmel oder eine große Pfütze auf dem Esstisch oder dem Boden. Abgesehen davon, dass Spielen mit dem Wasser sich ja auch sehr positiv auf die Sinneswahrnehmung auswirkt und Gießen, Umfüllen etc. die Wahrnehmung von Mengen und Größen fördert (hier kann mein Erzieher-Ich mal wieder mit Fachwissen brillieren). Natürlich geht dabei mal was daneben, denn das Volumen eines Bechers wird natürlich auch mal vom Kind überschätzt und fleißig weitergegossen, wenn er schon randvoll ist. Bei einem Gespräch mit meinem Mann über das Thema überlegten wir zusammen, was denn im s chlimmsten Falle beim Pitschern passieren könnte und ob das wirklich so schädlich für das Äffchen sein würde. Schlimmstenfalls müsste eine Pfütze aufgewischt oder das Äffchen umgezogen werden. Auch im Winter ist das eigentlich kein Problem. Seit sich mein Mann das bewusst gemacht hat, ist es auch für ihn keins mehr.


Fazit:

Es ist unheimlich wichtig, sich und sein Handeln immer wieder gründlich zu reflektieren. Verbote oder vorschnelles Eingreifen zu hinterfragen und ggf. Einstellungen, Ängste und Haltungen zu überdenken und zu korrigieren. Wenn ich eins gelernt habe, dann dass mit Kind nichts mehr ist wie es war. Alles, was ich bisher wusste und für wahr und wichtig hielt, ist seither ins Wanken geraten. Das Äffchen sorgt regelmäßig dafür, dass wir ratlos sind, Überzeugungen über Bord werfen müssen, die evtl. veraltet oder unsinnig sind/waren. Sie zeigt uns immer wieder auf, dass wir nicht strikt an Verhaltensweisen festhalten können und wir unsere Welt immer auch ihrer wieder anpassen müssen. 

Und es ist wichtig, ihr Lernen nicht einzuschränken, indem wir sie behindern, eigene Experimente und diverse Erfahrungen zu machen, die Welt SELBST zu begreifen und zu entdecken. 


Wovor wir unsere Kinder natürlich schon bewahren MÜSSEN!

Natürlich gibt es Gefahren, vor denen wir unsere Kinder ohne Kompromisse bewahren MÜSSEN! Ein Experiment, was passiert, wenn das Kind bei Rot über die Ampel geht MUSS selbstverständlich unterbunden werden. Doch auch hier gilt: Wenn eingegriffen werden MUSS, sollte hinterher mit dem Kind über die Situation gesprochen werden und geklärt werden, warum es bei Rot stehen bleiben MUSS! Auch muss das Kind nicht die eigene Erfahrung machen, dass die Herdplatte heiß ist usw. 

Es gibt also durchaus auch Situationen, in denen schnelles Eingreifen unabdingbar und auch lebensrettend sein kann. Es liegt an uns Eltern, diese Situationen zu erkennen, aber auch andere harmlose Situationen laufen zu lassen, die absolut ungefährlich sind.


Habt ihr auch schon ähnliche Erlebnisse gehabt? Wie habt ihr reagiert?

 
  

Kommentare:

  1. Hey,

    ich habe ja keine Kinder, aber eine Ausbildung zur Kinderpflegerin absolviert und einen kleinen Bruder der 16 Jahre jünger ist wie ich, von daher kann ich manche Dinge sehr gut nachempfinden.

    Meinen Bruder wollte ich auch immer vor alles beschützen etc., aber später habe ich gelernt, dass er manche Erfahrungen einfach selbst sammeln und erfahren muss um daraus zu lernen...

    Dein Beitrag ist wunderschön geschrieben.

    Lg
    Steffi

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Vielen Dank! Na, dann kennst du dich ja ganz gut aus 😉

      Löschen
  2. Klar gibs da eine Menge Erlebnisse, aber im Lauf von nun 18 kJahren Mutter sein und 4 Kindern, nehmen sie rapide ab, heute gibt es eigentlich kaum Situationen wie diese, selbst solche Ampelsituationen sind selten, da wir oft schon wissen wie man sie von vornheran vermeiden kann.

    Lg aus Norwegen
    Ina

    www.mitkindrucksack.de

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Klar, bei 4 Kindern kommt ja immer mehr Erfahrung mit dazu. Aber wir Erstmamas sind da manchmal noch nicht so relaxed 😉!

      Löschen
  3. Cooles Eingangs Zitat. Aber es stimmt. Ich bin im Grunde meines Herzen eine furchtbar ängstliche Glucke - aber verdränge das immer wieder bewussst meiner Kinder zuliebe. Die KLeine macht Salti vom Pferd - fürchterlich - aber sie hat das trainiert und für sie ist es das wunderbarste auf der Welt!

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Oha, das bedarf sicherlich einiger Selbstbeherrschung als Mama 🙈!

      Löschen
  4. Ich habe noch keine Kinder. Aber ich denke, dass das schon Sinn macht, die Kinder nicht gegen Tischkanten rennen zu lassen. Aber sonst sollte man sie ihre eigenen Erfahrungen machen lassen... Also hat Dori da schon recht :)

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Hehe, denke ich auch. Und weiter unten steht ja auch, dass manches eben schonverhindert werden muss.

      Löschen
    2. Hehe, denke ich auch. Und weiter unten steht ja auch, dass manches eben schonverhindert werden muss.

      Löschen
  5. ein sehr guter Beitrag, der mich auch direkt wieder an meine eigene Kindheit erinnern lässt ... ganz früher wollte meine Mama mich auch immer vor allem beschützen, doch irgendwann hat sie losgelassen und das tat uns beiden ganz gut :)

    liebste Grüße auch,
    ❤ Tina von www.liebewasist.com

    AntwortenLöschen
  6. Ich habe keine Kinder und auch nur selten mit ihnen zu tun. Ich kann nur aus meiner eigenen Kindheit und Erziehung sagen, dass es bestimmt nicht verkehrt ist, dass Kinder ihre eigenen Erfahrungen machen. Das prägt und davon lernt man. Meine Eltern haben mich aber immer aus der Ferne beobachtet und hätten in brenzligen Situationen jederzeit eingreifen können.
    Liebe Grüße
    Kathrin

    AntwortenLöschen
  7. Ich bin keine dieser Glucken Mütter und lasse meinen Kindern viel Freiraum und Möglichkeiten selbst Dinge zu entdecken. Aber nehme schon meine Verantwortung als Mutter wahr, ihnen meine Erfahrung weiterzugeben. Ich denke nicht dass es notwendig ist ein Kind auf eine Herplatte greifen zu lassen, damit es feststellt dass diese warm ist ;-). Ich denke dass ein gesundes Mittelmaß sehr wichtig ist. Gut dass du dieses Thema ansprichst :-)!

    Liebe Grüße
    Verena von www.avaganza.com

    AntwortenLöschen
  8. Ich beobachte bei meinem Neffen und seiner Frau, dass sie sich nicht gleich bei allem verrückt machen lassen, was ihre drei kleinen Töchter so anstellen. Anders geht es auch gar nicht bei drei Kindern - und die müssen manche Erfahrungen auch selbst sammeln. Das hat aus meiner Sicht auch nichts mit Nachlässigkeit zu tun. Herzliche Grüße!

    AntwortenLöschen